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Die Freimaurer – eine Einführung von Br. Wilhelm Stukenberg, Oldenburg – Teil 1

Sehr geehrter Interessent! Sehr geehrter Suchender!

Im Jahre 1953 hat Br. Wilhelm Stukenberg, prominenter Bruder der Loge „Zum Goldenen Hirsch“ in Oldenburg, zur unmittelbaren Ansprache an einen Suchenden in 14 kurzen Abhandlungen Fragen zur Freimaurerei behandelt, die oft an ihn gerichtet wurden.

WStukenberg1947-1956
Br. Wilhelm Stukenberg, eine herausragende Freimaurerpersönlichkeit aus Oldenburg

Damals gab sich Br. Stukenberg der Hoffnung hin, dass er sich dabei in jeder Hinsicht duldsam verhalten habe. Diese Duldsamkeit soll hier auch heute (2010), in einer Zeit , da die Freimaurerei an Aktualität gewinnt, genauso die Leitlinie zur Beantwortung Ihrer Fragen sein wie zu Zeiten Br. Stukenbergs. Es wird zitiert aus der 3. Auflage.

Br. Stukenberg schrieb: „Sehr verehrter Freund! Auf Deinen oft geäußerten Wunsch und auf Wunsch und Verlangen anderer, die sich der Sache der Freimaurerei geneigt zeigen, habe ich diese Einführung in das Wesen der Freimaurerei niedergeschrieben. Ich wählte die Briefform, um unmittelbar zu Dir sprechen zu können…. Es steht Dir frei, alles, was ich Dir hier sage, anhand frei­maurerischer Schriften nachzuprüfen. Die Freimaurerei kennt keine Geheim­literatur. Lediglich ihre Rituale und deren Deutungen gibt sie der Öffentlichkeit nicht preis. Du wirst aus der Abhandlung erkennen, warum sie so handelt.“ Nehmen Sie die Auszüge aus diesen Briefen, lesen Sie sie so ruhig und bedachtsam, wie Br. Stukenberg sie niedergeschrieben hat. Sollte sich dabei ergeben, dass Ihr Interesse für die Freimaurerei stärker würde, ist der Hauptzweck dieser Briefe nach dem Wunsche Br. Stukenbergs erreicht.

Schluss des Vorwortes von Br. Stukenberg: „Arm ist unsere Zeit an Menschenliebe. Jede Gemeinschaft, die sie pflegt, kämpft für die Menschheit und ihre höchsten Ideale… Für sie tritt das .. Freimaurertum ein. Nun lies, was ein alter Freimaurer Dir darüber zu sagen hat.

Dein
Wilhelm Stukenberg.“

Diese Worte wenden sich an alle, die Interesse für die Freimaurerei haben und sich über ihr Wesen und ihre Gestalt unterrichten lassen wollen.

1. Brief: Allgemeines

Zwei furchtbare Kriege im letzten Jahrhundert haben vielen Menschen den Glauben an Recht und Menschlichkeit geraubt. „Wer aber tiefer in die Zusammenhänge des Geschehens hineinschaut, der erkennt bald, dass schon lange vor diesen Kriegen die Menschen der zivilisierten Welt in selbstzerstörerischer Weise bemüht waren, das Fundament aller Mensch­lichkeit zu vernichten, nämlich den Glauben an eine göttliche Allgewalt, an eine göttliche Allliebe und damit an die Würde des Menschen schlechthin. Es ist der Nihilismus, der seinen Siegeszug antreten will. In Kunst und Literatur, Wissenschaft und Politik, vor allem aber in der Wertung des Menschen ist sein Wirken zu erkennen.“ So deutlich auch die Notwendigkeit des Menschen zur Selbstbesinnung wurde, so wenig hat der Mensch dies erkannt. „Das Licht scheinet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.“ Br. Stukenberg dazu: Dieser Zustand der Menschheit ist kultur- und sozialkritisch von Männern wie Karl Jaspers, Toynbee, Romano Guardini, Kafka, Alfred Weber u. a. so gründlich geschildert und untersucht worden, dass hier nichts mehr zu tun übrig bleibt. Um so eindringlicher ergeht der Ruf an alle, denen noch das Gewissen schlägt, die sich mit ihrem Denken und Tun vor dem Allerhöchsten und damit vor den Menschen verantwortlich fühlen und deshalb gewillt sind, diesem Rufe zu folgen, sich innerlich zur Wehr zu setzen.“

„Es muß das Ziel vieler werden, sich dem Lichte der Wahrheit zuzuwenden und aus der bedrohlichen nihilistischen Ver­krampfung zu befreien. Wer immer, lieber Freund, Dir einen guten Weg zu diesem Ziele zu zeigen vermag, dem folge! Du weißt, dass ich aus tiefstem Erleben heraus Freimaurer bin und der Freimaurerei unendlich viel für mein inneres Leben verdanke. Du wirst es mir daher nicht verargen, wenn ich Dich darauf aufmerksam mache, dass die Freimaurerei kein anderes Ziel kennt, als den Menschen zur Menschlichkeit zu erziehen. Sie weiß, dass es auf den einzelnen und seine innere Entscheidung ankommt.

„Die Fähigkeit eines Menschen, Kulturträger zu sein, d. h. Kultur zu begreifen und für die Kultur zu wirken, hängt davon ab, dass er zugleich ein Denkender und freier [Mensch] ist. Interessenideale durchsetzen und trüben die Kulturideale.“ „Diese Mahnung Albert Schweitzers, der übrigens kein Freimaurer ist, beherzigte die Freimaurerei von jeher. Einfach gesagt: In Deinem Wesen, in Deiner Persönlichkeit liegt alles be­schlossen, was sich in der Summierung als Kultur darbietet, liegt aber auch alles verborgen, was sich als Mensch in Dir und von Dir aus bekunden kann. Du selbst bist nach dem Schöpferplan des Allerhöchsten berufen, dies Menschen­tum in Dir zum Leben zu erwecken. Solchem Berufensein stattzugeben, bezeichnen wir als freimaurerische Pflicht. Seit Jahrhunderten hält die Freimaurerei den Männern den Spiegel der Menschlichkeit vor und fordert sie zur Selbstkritik und zur Arbeit an sich selber auf. Sie ruft jetzt auch Dich. Und wenn Dich der Drang erfüllt, dem Guten zu dienen und menschliche Würde in Dir und anderen zu entwickeln, wenn Du ein Verlangen danach hast, mit einer auf Ehre, Tu­gend, Freundschaft und Treue gegründeten Gesellschaft verbunden zu sein, dann besitzest Du die richtige Einstellung zum Freimaurertum.“

Als Nachwort von Br. Stukenberg:

„Was wir heute brauchen, da der Tatmensch den reflektierenden Menschen weit überflügelt hat, ist größere Tiefe und gesteigerte Lebenskraft. Wir haben Ideale verherrlicht, ohne die Kraft zu besitzen, mit ihnen umzugehen. Die Welt­gemeinschaft hat schon seit einiger Zeit auf dem Kalender der Menschheit gestanden, aber die Seele, die den Körper bauen könnte, gibt es nicht. Die großen Religionen haben jede Gelegenheit besessen, die Macht, Prestige und Reichtum verleihen können, und doch ist die Welt ferner denn je von einem Zeitalter gegenseitiger Hilfsbereitschaft, des Friedens und der Freude“, sagt S. Radakrishnan (Indien.)

„So wollen wir’s im kleinen Kreise üben!“ sagt der Freimaurer.

2. Brief Von der Entstehung der Freimaurerei

Br. Stukenberg stellt fest, dass das Thema der Entstehung der Freimaurerei unterschiedlich behandelt wurde: freundlich oder feindlich, gründlich oder oberflächlich. Er gibt selbst lediglich einen Umriss der freimaurerischen Geschichte unter dem Hinweis, dass sich die Frage nach der Entstehung nie restlos beantworten lässt, … „weil ihre tiefste Ursache in dem Bedürfnis des Menschen nach Erkenntnis seiner selbst und des Sinnes unseres Daseins liegt….

Deshalb wird die Menschheit nie aufhören, diesem Geheimnis nachzuforschen, sei es mit den Mitteln der Vernunft und des gottgebundenen Gewissens oder durch innige Versenkung (Meditation) in das Wesen Gottes und seiner Schöpfung.“

Br. Stukenberg berichtet weiter, dass die Freimaurer sich bei der Organisierung ihrer Logen an der Gestalt und Tradition der Bauhütten für Sakralbauten des Mittelalters orientiert haben. Baumeister, Künstler und Werkmaurer schlossen sich zu dieser Zeit zu Bruderschaften zusammen, die ihre Versammlungsräume in für sie errichteten Hütten in der Nähe der Kathedralbauten hatten. Zunächst waren die Baumeister in der Regel aus dem Kreis der Mönche. Dies hatte gewissen Einfluss auf die Ordnungen der jeweiligen Vereinigungen, die zumeist mönchischen Charakter hatten. Als Beispiele werden die Straßburger wie auch die Torgauer Steinmetzordnungen um 1460 genannt. Die Bauhütten unterlagen nicht einem Zunftzwang, deswegen hießen ihre Mitglieder in England, Irland und Schottland „freie Maurer”. Ein Nachweis, dass die Freimaurerlogen unmittelbar aus Bauhütten entstanden wären, lässt sich nicht führen. Die Bauhüttenmitglieder nannten sich untereinander Brüder – was wiederum auf die mönchische Tradition verweist – und ihre Gemeinschaft „Logen“ („lodges“ in England). Br. Stukenberg:

„An der Entwicklung der englischen Lodges lässt sich nun nachweisen, dass sie bereits im 16., mehr noch im 17. Jahrhundert, nicht mehr nur aus Architek­ten, Steinmetzen und Werkmaurern bestanden, sondern bereits berufsfremde Elemente in sich aufgenommen hatten. Der künstlerische, stets religiös fundierte Charakter der Baumeister mochte wohl eine Anziehung auf geistige, dem engen Dogmatismus der damaligen Kirche abholde Kreise ausgeübt haben. Es sei z. B. an die Humanisten des 15. und 16. Jahrhunderts erinnert, die offen von dem Licht der Weisheit und Schönheit sprachen, das sie durch die Wiederauf­findung, Erläuterung und Neuherausgabe der Schriften der Griechen und Römer in die Menschheit hineintragen wollten…..Aus dem Humanismus erwuchs letzten Endes auch der große Protest der Reformation gegen die römisch-katholische Kirche. Bei den stets auf Werktreue und echte Religiosität bedachten Baumeistern der Bauhütten fanden die nicht selten von ihrer Kirche verfolgten Humanisten Verständnis. Die Bauhütten nahmen sie und andere Gesinnungsgenossen in ihre Reihen auf. Sie erhielten die Bezeichnung ‚angenommene Maurer’ zum Unter­schiede von den freien, den Werkmaurern…..Man gab dem Ritual und den Symbolen der Werkmaurerei einen tieferen Sinn, indem man das Herz des Menschen als den zu errichtenden Tem­pel bezeichnete. Kurz, nicht mehr der Steinbau, sondern der Mensch selbst rückte in den Mittelpunkt der Betrachtung, und seine Selbstveredelung wurde in den englischen Bauhütten (Lodges) der Hauptzweck. Die Philosophie der ‚Aufklärung’, die sich aus dem Humanismus entwickelte, vor allem ihre moralische Tendenz, fand hier einen praktischen Niederschlag, der in dem bis auf den heutigen Tag beibehaltenen Bauhüttenbrauchtum zum Ausdruck kam.

Im Jahre 1717 verbanden sich vier Lodges Londons zu der ‚Vereinigten Großlage von London’, und von diesem Jahre an datiert die im Lichte der Geschichte wirkende Freimaurerei. Aus der Zeit der Bauhütten stammt die Form ihrer Leitung durch einen Meister und zwei Aufseher sowie die Einteilung der Brüder in die drei Logengrade des Lehrlings, Gesellen und Meisters.

Man bekannte sich zum Humanitätsgedanken auf religiöser Grundlage, indem man die Bibel als die göttliche Offenbarung verehrte und Winkelhaken und Zirkel, Wasserwaage und Senkblei als Ausdruck des göttlichen Willens bzw. als Symbole der Selbstprüfung bezeichnete.

Nur solche Logen, die diese Symbole (die Bibel geöffnet) bei den Tempelarbeiten auf den Altar legten, wurden anerkannt.

Ziel aller Arbeit aber sollte es sein, dass jeder Bruder sich bilde als ein von Vorurteilen jeglicher Art freier, der Stimme seines in Gott gebundenen Gewissens gehorchender, nach sittlicher Vollkommenheit strebender Mann, der frei von Selbstsucht dem Wohle seiner Mitmenschen zu leben habe.

In ihrem Verhältnis zueinander wie zu allen ihren Mitmenschen sollen die Freimaurer durch Eintracht, Gefälligkeit, Hilfsbereitschaft und rege Anteilnahme, durch Nachsicht, Bescheidenheit und Treue sich auszeichnen.

Sie sollen Verständnis für anderes Denken und Achtung vor der Überzeugung des anderen haben. Strenge gegen sich selbst, Milde gegen andere sollen den Frei­maurer beseelen. In seinem ganzen Verhalten bewähre er die alten Freimaurer­tugenden: Verschwiegenheit, Uneigennützigkeit, Gefälligkeit, Beharrlichkeit, Besonnenheit und Unerschrockenheit. ”